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Elefantenrennbahn Autobahn |
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Geschrieben von joschma
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Montag, 06. August 2007 |
Heute in der WAZ steht was Nettes über ein generelles Überholverbot für LKW auf Autobahnen und lenkte spontan meine Aufmerksamkeit vom Frühstückskaffee auf sich. Weil die Politik mal wieder drüber diskutiert, hat sich ein Reporter neben einen LKW-Fahrer ins Fahrerkabinchen gesetzt und die beiden haben versucht, mal komplett ohne zu überholen eine Strecke zu fahren. Am Ende haben sie das Vorhaben schließlich über Bord geworfen und doch überholt - klar, kann ich verstehen, wer eiert schon gerne hinter 'nem lahmen LKW her, besonders wenn der an Steigungen noch langsamer wird und beinahe stehen bleibt. Damit jedenfalls sind sie zu dem Schluss gekommen, dass ein generelles Überholverbot für LKW keinen Sinn macht. Eines der Argumente war, das der LKW-Fahrer durch das Überholen "mal eben" 20 Minuten früher Hause wäre und die PKW sich dahinter doch ruhig mal 2 Minuten gedulden könnten...
Sehe ich ehrlich gesagt komplett anders.
Rechnen wir doch einfach mal nach... und zwar gibt es eine einfache Faustformel für den zurückgelegten Weg bei Überholvorgängen, den sogenannten "Überholweg":
S = Lg x vb : vd
Hierbei gilt:
Lg = Gesamtlänge beider Fahrzeuge + beide Sicherheitsabstände in m
vb = Geschwindigkeit des Überholenden in km/h
vd = Geschwindigkeitsunterschied zwischen beiden Fahrzeugen in km/h
Gehen wir hierbei von folgenden Annahme aus:
Die Geschwindigkeit des langsameren - also überholt werdenden - LKW beträgt wie gesetzlich erlaubt exakt
va = 80 km/h
Der überholende LKW muss, um überhaupt vorbei zu kommen, natürlich zwangsläufig schneller sein. Da ausnahmslos alle LKW-Fahrer natürlich keine Raser sind, gehen wir von einer nur geringfügig höheren Geschwindigkeit aus:
vb = 82 km/h
Als Geschwindigkeitsunterschied vd ergeben sich also satte 2 km/h - ich glaube, auf den klassischen Spruch der "gefühlten Geschwindigkeit von LKW im Bereich des Schritttempo" brauche ich dabei wohl nicht ausführlicher einzugehen. Also weiter, wir wollen ja den Überholweg und die dafür benötigte Zeit ausrechnen. Listen wir erstmal säuberlich auf:
vd = vb - va = 82 km/h - 80 km/h = 2 km/h
Da wir uns hier in der Theorie befinden, tun wir einfach mal so, als würden beide LKW ihr Tempo konstant halten.
Zu den Längen und Abständen: Es bestehen gesetzliche Regelungen über die maximale Länge von LKW. Sattelschlepper dürfen demnach maximal 16,5 m lang sein, sogenannte "Euro-Gliederzüge" (die Kisten wo noch ne Kiste als Anhänger dran is') dürfen 18,75 m lang sein. Meistens sieht man Sattelschlepper, also nehmen wir als Mittelwert schlicht 17 m als Länge für beide Fahrzeuge. Die Sicherheitsabstände holen wir uns aus der guten alten Faustformel Abstand = halber Tacho. Fassen wir zusammen:
Als Länge der Fahrzeuge hatten wir je 17 m angenommen:
La = 17 m
Lb = 17 m
Vor dem Überholen ist der schnellere LKW hinten und hält folgenden Abstand:
Av = 82 : 2 = 41 m
Nach dem Überholen ist der langsamere hinten, kann dem Überholenden also bereits das "Wiedereinscherlichthupensignal" geben sobald dieser so weit vor ihm ist:
An = 80 : 2 = 40 m
Die Gesamtlänge beider Fahrzeuge plus beide Sicherheitsabstände kriegen wir jetzt locker im Kopf hin:
Lg = 17 m + 17 m + 41 m + 40 m = 115 m
Setzen wir alles in die Faustformel für den Überholweg ein sieht's so aus:
S = Lg x vb : vd = 115 m x 82 km/h : 2 km/h = 115 m x 41 = 4715 m = 4,715 km
Um das Ergebnis in Zeiteinheiten auszudrücken, rechnen wir das noch fix mit der Geschwindigkeit des schnelleren LKW auf Minuten um:
t = S : vb = 4,715 km : 82 km/h = 0,0575 h = 3,45 min
So. Wenn wir jetzt grob runden - wir müssen ja abbremsen und hinterher wieder beschleunigen - kostet uns dieses Elefantenrennen außer den Nerven also knapp 4 Minuten.
VIER! Nicht "mal eben 2"!
Und wenn das mal alles wäre... es überholt ja nicht nur ein LKW, im Gegenteil: Wenn ein LKW überholt und damit die komplette Autobahn de facto sperrt, wuselt vor ihm ja kein PKW mehr rum. Wie auch. Aus Sicht des LKW, der knapp einen km weiter vorne fährt, ist damit hinten also alles frei. Ein wunderbare Gelegenheit also, genau was zu tun? Richtig: Den LKW vor ihm "mal eben" zu überholen...
Wenn wir das mal weiterdenken, ergibt sich also nicht nur ein Zeitverlust von 4 Minuten pro überholendem LKW, sondern wir brauchen im Grunde eigentlich gar nicht mehr zu beschleunigen - wir müssen ja eh dauernd wieder runterbremsen. Ergo können wir direkt mit 80 km/h wie die LKW über die Autobahn schleichen, anstatt eine angenehme Reisegeschwindigkeit zu wählen.
Ich möchte hier mal eben anmerken: Ich rede nicht von xxx km/h, sondern denke an normales Tempo im Bereich 100 bis 130 km/h!
Wie sagte der LKW-Fahrer doch so schön: 20 Minuten eher zu Hause sein...
Rechnen wir doch spaßeshalber mal weiter:
Der Fahrer in dem Zeitungsartikel brachte irgendwelche Möbel von Bochum nach Hatzfeld. Hatzfeld liegt hinter dem Rothaargebirge, knapp 160 km von Bochum weg. Lassen wir mal alle anderen Faktoren wie Baustellen, Geschwindigkeitsbegrenzungen und überholende LKW außer Acht und fahren die offizielle Richtgeschwindigkeit:
t = 160 km : 130 km/h = 1,23 h = 1 h, 14,8 min
Mit LKW-Tempo brauche ich aber
t = 160 km : 80 km/h = 2 h
Runde 45 Minuten mehr!
Ist es jetzt sehr egoistisch von mir, dass ich nicht ganz einsehe, 45 Minuten später nach Hause zu kommen damit der LKW-Fahrer 20 Minuten früher zu Hause ist?
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Letzte Aktualisierung ( Dienstag, 14. August 2007 )
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